Institut für historische Intervention

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Das Institut für historische Intervention (IHI)

Die Idee für einen Verein, der klassische Gedenkprojekte mit künstlerischen Zielsetzungen verbinden sollte, entstand vor etwa einem Jahr. Sie wurde von einigen HistorikerInnen des Allgemeinen Entschädigungsfonds – Alfred Fehringer, Iris Petrinja, Alexander Wallner, Christian Seinfeld und Albena Zlatanova – und den jungen Performance- und VideokünstlerInnen Julia Kläring und Jan Machatschek geboren. Ergänzt wurde das Konzept durch Mitarbeiter des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (St.Pölten), Wolfgang Gasser und Christoph Lind, und schließlich durch Birgit Johler und Georg Traska, die Erfahrungen aus zwei abgeschlossenen Erinnerungsprojekten („Servitengasse 1938“ und „Herklotzgasse 21 und die jüdischen Räume in einem Wiener Grätzel“) einbrachten.

Verbunden hat uns der Enthusiasmus, verschüttete und verdrängte Vergangenheit ans Tageslicht zu bringen, sowie der Wunsch, die Familiengeschichte von aus Österreich Vertriebenen und in der NS-Zeit Ermordeten aus langer Vergessenheit in das kulturelle Gedächtnis zu holen und für kommende Generationen, die kein Gespräch mit ZeitzeugInnen mehr suchen können, lebendig zu machen. Mit dem Anspruch an historische Intervention, die bevorzugt nicht in musealen Umgebungen, sondern an historischen Schauplätzen geschehen soll, geht die Suche nach aktuellen gesellschaftlichen Bezugspunkten und nach Zusammenarbeit mit künstlerischen und stadtraumbezogenen Initiativen einher.

Wir verpflichten uns dem Gedenken, und doch sind uns Denkmäler suspekt. Wir möchten Historisches in aktuellen Nutzungs-, Lebens- und Arbeitskontexten sichtbar und erfahrbar machen. Wir verstehen Räume und Orte als Träger von verschütteten, verheimlichten und verlorenen Erinnerungen. Das Gewicht der Geschichte soll in die Alltagsräume gehoben werden. Der Prozess der Entstehung ist ebenso wichtig wie das materielle Ergebnis, das seinerseits noch Entwicklung zulassen soll. Wir streben öffentliche Ausschreibungen und Verfahren an, die eine kurz- oder langfristige Einbindung der lokalen Bevölkerung ermöglichen. Auch bestehende Denkmäler sollen in diesen Prozess mit einbezogen und in neue Kontexte gebracht werden, die eine Anbindung an ihre Umgebungen und lokalen Bevölkerungen bewirken.

Die Gründung des Instituts für historische Intervention findet in einem besonderen institutionsgeschichtlichen Kontext statt. Seit den 1990er Jahren und im laufenden Jahrzehnt arbeiteten und arbeiten weiterhin zahlreiche Personen in Institutionen, die im Zusammenhang der politisch bedingten Restitutions- und Entschädigungsvorgänge entstanden waren und in dieser temporär gebundenen Funktion Forschungsleistungen vollbrachten, die weit über ihren engeren Zweck hinausreichen. Den Nachfolgeinstitutionen stellt sich das Problem, die aufgearbeiteten und neu geschaffenen Archivalien für die historische Forschung verfügbar zu machen. Die Kenntnisse und Erfahrungen der MitarbeiterInnen werden hingegen nicht in derselben Weise in die Nachfolgeinstitutionen eingehen können. Ähnliches gilt für MitarbeiterInnen von akademischen Forschungsinstitutionen mit befristeten Verträgen. Erinnerungsprojekte produzieren ebenfalls in kurzer Zeit große Mengen an historisch wertvollem Material und Wissen, das sie nicht vollständig verarbeiten und dauerhaft veröffentlich können. Die GründerInnen und bisher gewonnenen Mitglieder des Instituts für historische Intervention – insgesamt etwa 25 Personen – möchten die einschlägigen Erfahrungen und Kenntnisse, die sie aus verschiedenen Beschäftigungen und beruflichen Hintergründen mitbringen, vor Vereinzelung und Verstreuung bewahren und für primär interventionistische sowie kommunikative Zielsetzungen fruchtbar machen.

Zielsetzungen

Einzelne Erinnerungsprojekte sollen in verschiedenen, flexibel aus den Institutsmitgliedern zusammengesetzten Gruppen konzipiert und durchgeführt werden. Die vielfältigen  Kompetenzen sind kurzfristig verfügbar und in der internen Kommunikation gezielt kombinierbar.

Das Institut leitete bereits eine Vernetzung der zahlreichen bürgerschaftlich entstandenen Erinnerungsprojekte des Landes in die Wege. An einem ersten Treffen nahmen vor allem Initiativen aus Wien und Umgebung teil, eine Ausweitung auf die Bundesländer ist geplant und stößt auf reges Interesse. Die Vernetzung verfolgt eine verstärkte Sichtbarmachung in der Öffentlichkeit, die über die primär lokale Reichweite der vielen bestehenden Initiativen hinausreicht, sowie einen intensiveren Austausch von Ideen, Informationen und Erfahrungen. Das IHI gestaltete eine mediale Plattform für die koordinierte Darstellung der Erinnerungsprojekte. Die unterschiedlichen, in ihrer gesellschaftlichen Position und kulturellen Anstrengung gleichwohl parallel ausgerichteten Initiativen sollen als vielfältige Gesamtheit und als aktive Stimme in der österreichischen Öffentlichkeit greifbar werden. Neu entstehende Initiativen möchte das Institut mit Know-How unterstützen. Für abgeschlossene Projekte soll es als Schnittstelle zu Archiven dienen, um eine systematische  Verarbeitung und Erhaltung der produzierten Text-, Bild- und Filmmaterialien zu ermöglichen.

Gemeinsam mit ForscherInnen und allen, die sich um das historische Gedächtnis und die lebendige, vielfältige Erinnerung dieses Landes – auch in einem weiteren europäischen Kontext – bemühen, möchten wir auf den gesellschaftlichen Diskurs in Österreich einwirken. Wir gehen von der Tatsache aus, dass wir in einem Land leben, wo eine TäterInnen-Nachfolge-Generation eine Mehrheit und die Nachkommen von Opfern der NS-Zeit eine Minderheit darstellen. Deswegen möchten wir einerseits mit der TäterInnen-Anonymität brechen, andererseits aber auch den Nachkommen von NS-VerbrecherInnen Hilfeleistung bei der Familiengeschichtsforschung anbieten. Generell möchten wir genealogische Forschung durchführen und Hilfestellung bei der Beschaffung von Dokumenten, die mit Verfolgung während des Nationalsozialismus und Eigentumsentzug zu tun haben, anbieten.

Die Arbeitsfelder des IHI sind historisch, geographisch und sozial definiert. Das Institut legt aus historisch und gesellschaftspolitisch naheliegenden Gründen einen Arbeitsschwerpunkt auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Dennoch soll diese – sowie die Auseinandersetzung mit dem österreichischen Antisemitismus – nicht als Fluchtpunkt der jüdischen Geschichte des Landes verstanden werden. (Eine Intervention des Instituts in diese Richtung stellt das geplante Projekt „Alter jüdischer Friedhof St. Pölten“ dar, das 2010/11 umgesetzt werden und die jüdische Vergangenheit dieses Ortes, auf dem kein Grabstein mehr steht, wieder sichtbar machen soll.)
Weitere historische Räume, in die das Institut gerne vordringen möchte, sind Geschichte und Geschichten der sogenannten Sudetendeutschen, der Kärntner SlowenInnen, von Roma, Sinti und Jenischen sowie von MigrantInnen und Flüchtlingen in Österreich zu allen Zeiten. Dies schließt eine Öffnung zur unmittelbaren Gegenwart und einen thematischen Dialog von historisch noch heißen Themen mit aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen ein. Es kann aber auch tiefer liegende historische Schichten des Landes in seinen wechselnden Grenzen und Migrationszusammenhängen betreffen – z.b. die alten Handelskongretionen und die ihnen zugeordnete, bis heute greifbaren Stadtviertel oder transnationale religionssoziologische Zusammenhänge (z.B. die Mechitaristen, die als katholischer Orden ein Zentrum für die Renaissance der armenischen Kultur und Bildung bildeten und bisher nur einem kleinen Spezialistenkreis bekannt sind).
Die historischen Gegenstänge des IHI definieren die jeweiligen räumlichen Perspektiven. Die gegenwärtigen Grenzen Österreichs stellen einen Ausgangspunkt, aber keine selbstverständlich zu übernehmende Begrenzung dar. Etwa in Hinblick auf die jüdische Geschichte soll der weitere Raum der österreich-ungarischen Monarchie als Bezugsrahmen in den Blick genommen werden, was uns die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Nachbarländern suchen lässt.

Das IHI mit seinen verschiedenen Arbeitsräumen, in denen Forschung und künstlerische Umsetzung, Dokumentation und Vernetzung, Service und Vermittlung ihren Platz finden, muss in den nächsten Jahren seiner Konzeption erst gerecht werden. Ob das gelingt, wird an ganz verschiedenen Faktoren liegen. Können wir intern wirklich die unterschiedlichen Hintergründe und Interessen der Mitglieder in einem öffentlich wahrnehmbaren Profil bündeln? Können wir das Vertrauen für die Repräsentation einer heterogenen und um Ressourcen ringenden Erinnerungskultur in Österreich gewinnen? Wird es uns gelingen, eine spezifische und neuartige Position zwischen Forschungsinstitutionen und bisher weitgehend vereinzelt agierenden Erinnerungsprojekten zu finden und durch die Aktivierung von Synergien neue Ressourcen zu erschließen?